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Die Digitalisierung der Gesellschaft

 

Wie Digitalisierung als Geschäftsmodell irreversibel in die Existenz des Einzelnen und der Menschheit eingreift

 

Digitalisierung hat das Leben dieser Welt komplett penetriert. Sie hat – abgesehen von verschwindend kleinen Ausnahmen - sämtliche gesellschaftliche Schichten in allen Ländern und Erdteilen erreicht. Und sie durchdringt mit ungeheurem Tempo sämtliche gesellschaftlichen und ökonomischen Bereiche: die smarte Welt ist längst Realität. Schule und Bildung, Beruf und Wirtschaft, Freizeit und Familienleben, alles ist heutzutage durchsetzt von der Macht der Digitalisierung. Das betrifft nicht nur die Verfügbarkeit und die Anwendung bzw. der Einsatz von digital arbeitenden Geräten, sondern in noch viel umfassenderem Maße die auf vielfache Weise erhobenen und angewendeten Daten von den Menschen selber. Jeder Mensch »hinterlässt« heutzutage eine Fülle von Daten, mit denen Bewegungsprofile, Gewohnheiten und Neigungen bis hin zur Partnerwahl und dergleichen gesammelt und gespeichert werden. Auch wenn diese mittlerweile unlöschbaren Datenspuren nicht absichtlich oder bewusst gelegt werden, sie resultieren unweigerlich aus den alltäglichen Routinen und Abläufen und werden von speziellen Algorithmen entsprechend akkumuliert und interpretiert. Ein Entrinnen aus diesem Szenario ist unmöglich. Weder der sogenannte Datenschutz noch die selbst auferlegte Abstinenz nach dem Motto, ich gebe keine Details meines Lebens bekannt, schützen die Individuen. Und so wie das tägliche Leben abläuft, von der Zustellung der Tageszeitung am Morgen über die Frühstücksgewohnheiten, von der Nutzung der Verkehrsinfrastruktur über die Berufsausübung, die Lebensorganisation durch das Wohnen, den Energieverbrauch, die Vorratseinkäufe bis hin zum Freizeitverhalten, überall ist entweder eine Adresse hinterlegt, oder es sind eine Registrierkasse sowie bargeldlose Zahlungsverfahren und dergleichen involviert. Das bedeutet, dass es unglaublich viele Datensätze der Individuen gibt, und die sind begehrt und wertvoll. Daraus leiten Algorithmen Prognosen und Markteinschätzungen ab, welche die heutzutage üblichen Geschäftsmodelle der Ökonomie »befeuern«. Und als Krönung dieses absurden gesellschaftlichen Zustands muss das Treiben der politischen Eliten betrachtet werden: Politik basiert nicht mehr auf den Notwendigkeiten, Zielen und Rechten der Wähler, sondern auf den demoskopischen Prognosen der Wahlforscher. Nicht mehr die Wahlversprechen oder politischen Programme der Parteien bilden die Grundlages des Handelns der Regierungen und Mandatsträger, sondern die Stimmungsbarometer der Demoskopen. Dies ist deshalb als bedauerlich zu werten, weil die Politik inzwischen hinsichtlich der Komplexität von der politischen Elite nicht mehr überblickt, wie sie in bestimmten Fragen und Situationen zu entscheiden habe, sie somit externe Entscheidungshilfen so genannter Experten oder Lobbyisten benötigt. Hierbei erfolgen wieder auf der Grundlage von Wissensbasen oder Interessen vielerlei Beeinflussungen durch Andere.

 

Überwachungskapitalismus als neue Gesellschaftsordnung

 

Dass diese hier vorgebrachte Einleitung nicht vorschnell formuliert ist, unterstreicht die aktuelle Analyse der amerikanischen Ökonomin Shoshana Zuboff. Sie spricht davon, dass wir uns in einem »Zeitalter des Überwachungskapitalismus« befinden, wobei dieser Überwachungskapitalismus die bewährte innere Natur des Menschen zerstört. Zuboff ist emeritierte Professorin der Harvard Business School und gilt als eine der profiliertesten Analytikerinnen der digitalen Moderne. Ihr neuestes Werk »Zeitalter des Überwachungskapitalismus« ist Anfang Oktober in deutscher Sprache im Campus Verlag erschienen.

Zuboff warnte schon vor langer Zeit vor den Gefahren der digitalen Welt, lange bevor es Social Media und Big Data gab. Bezogen auf die heutige Zeit befürchtet sie, dass die Menschen zwar die Symptome des Überwachungskapitalismus wahrnehmen, aber dessen Ursachen und Machtfülle nicht verstehen. Diesbezüglich pflegen die Menschen einen eher naiven Umgang mit den digitalen Technologien, deren Einzelerscheinung zudem ablenkt von der völlig neuartigen Form des Kapitalismus. Und bezüglich der potenziellen Funktionen dieser Form des Kapitalismus bietet Zuboff als Beispiel den Mobilfunkbetreiber Verizon an: Verizon durchsucht ein paar Hundert Millionen eMail-Konten der zugekauften Töchter Yahoo und AOL nach Daten, die an Werbungtreibende verkauft werden können. Zuboff wörtlich: »Wir sind den gierigen Blicken unserer Überwacher ausgeliefert.«

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Wie die Wissenschaftlerin weiter anführt resultiert der Überwachungskapitalismus nicht aus dem »Treiben« von irgendwelchen bösartigen Personen oder Institutionen. Nach ihrer Einschätzung sind es die ökonomischen Prinzipien, die darauf angelegt sind, den menschlichen Erfahrungen so viele Verhaltensdaten wie möglich zu entziehen und damit in die Persönlichkeit und Emotionen der Personen eindringen, um deren zukünftiges Verhalten vorhersagen zu können. Aus solchem Wissen resultiert der Profit des Überwachungskapitalismus.

Zuboff sieht im Überwachungskapitalismus einen deutlichen Gegensatz zum »klassischen« Kapitalismus, in dem Ökonomie und Bevölkerungen immer wechselseitig voneinander abhängig waren. Die Menschen waren stets Arbeitskräfte und Kunden des Kapitalismus-Systems. Diese Rollenverteilung existiere nicht mehr, denn die Menschen sind im Überwachungskapitalismus kaum mehr Beschäftigte und Kunden, sondern in erster Linie Informationsquellen. Hinzu kommt, dass durch die zunehmend verfügbaren »smarten« Produktionsmittel auch der Faktor »menschliche Arbeit« an Bedeutung verliert.

Die von Zuboff als Industriekapitalismus bezeichnete letzte Erscheinungsform des Kapitalismus verlangte aufgrund seiner Ausprägung von den Gesellschaften eine Fülle von Gegenmaßnahmen bzw. Regelfunktionen, die aufwändig erstritten wurden: Dazu gehören z. B. Arbeitsrecht, Gewerkschaften, Tariflöhne und Mindestlohn, Verbot der Kinderarbeit und weiteres. Um dieses zu erreichen, waren viele Jahre der intensiven Auseinandersetzungen erforderlich. Dieser Prozess des sozialen und politischen Kampfes ist seitens der Bevölkerung erneut erforderlich, um gegen den Überwachungskapitalismus bestehen zu können. Auch wenn die Zeiten der äußeren Armut, des physischen Leidens und der allgegenwärtigen Gewalt überwunden sind, bleiben damit bisherige individuelle und gesellschaftliche Rechte des Einzelnen und der Gemeinschaft gesichert. Zuboff klagt eine andere, subtilere Art der Gewalt an: »Der Überwachungskapitalismus beraubt uns unserer menschlichen Autonomie und gefährdet damit die Demokratie. Dass Machtinstrument des Überwachungskapitalismus, nämlich die allgegenwärtige, wahrnehmungsfähige, rechnergestützte, vernetzte, digitale Infrastruktur wird von einem Etwas, das wir haben, zu einem Etwas, das uns hat.«

Bearbeitung: Wolfgang Klinker

Informationsquellen: Shoshana Zuboff, »Zeitalter des Überwachungskapitalismus«, a.a.O.

Der Spiegel 40/2018, Seite 68 ff

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